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Samstag, 15. Dezember 2018

Ein verwegener Gedanke

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  • vom:  Donnerstag, 17. November 2016
Ein verwegener Gedanke Foto: © Schweriner Höfe

Die Spaziergänger und Passanten staunten und beobachteten über Wochen die Entstehung eines neuen Kunstwerkes im Klöresgang. Neben dem Eingang zur Stadtbibliothek entstand vor ihren Augen eine Mosaikbank aus den Händen von Karin Weiss. Die Inhaberin vom Kunstwerk³ schildert ihre während der Entstehungszeit gesammelten Eindrücke:

 

Die Idee kam mir, als ich das erste Mal in meinem neuen Laden stand. Schräg gegenüber: Der Eingang zur Stadtbibliothek. Links daneben: eine graue Wand mit Treppenstufen, grau und öde, zu nichts nütze. Das sollte ab sofort mein Ausblick sein?

Vor mein inneres Auge drängelte sich ein Bild: Die „Schlangenbank“ in Barcelona, bunt und lebhaft, wunderschön. So etwas hier? Ein verwegener Gedanke. Die Verwaltung der Schweriner Höfe fand den Gedanken nicht verwegen: „Machen Sie ein Angebot!“

Gesagt, getan. Ein Tonmodell entstand, und kurz darauf war es konkret: Die „Höfe“ werden aufgerüstet, diesmal mit einer künstlerisch gestalteten Mosaikbank. Nach einer Weile kam der Startschuss, doch los ging es noch lange nicht: Der Maurer mauerte woanders, das hieß im Klartext für mich: Warten.

Endlich wurden die Yton-Blöcke angeliefert. Da standen sie im Spielcasino, glatt und weiß und ziemlich eckig. Daneben das Modell. Wo muss was hin, wo muss was weg? Keine leichte Frage, so „in echt“. Doch Maurer können nicht nur mauern, und nach einigem Hü und Hott fraß sich die Säge in den Stein. Die Rohform war geschaffen.

Nun kam der Sockel: Stampfbeton. Alte Steine rausdengeln, Fläche abgraben, ebnen. Der Laster kippte einen bröseligen Haufen aus, und dann ging es dort ans Stampfen. Der Meister verdichtete die Brösel, formte, klopfte, und nach und nach entstanden Stufen, Absätze und Schwünge: Der Unterbau für die Bank.

Jetzt war das Klötzchen-Stapeln dran. Yton-Steine aufstellen, fest mauern, nachsägen, fertig. Fertig? Nein, noch lange nicht. Rundungen feilen, schlämmen, abdichten. Das war die Pflicht. Nun kam die Kür: Das bunte Mosaikkleid. MEINE Sache. Also Hammer, fertig, los!

Wo blieben nur die Fliesen? Vor Wochen schon in der Türkei bestellt, ein Teil noch immer nicht geliefert. Des Rätsels Lösung war die Politik. Produktionsstopp aufgrund der wirren Lage, Änderung vorerst nicht in Sicht. Was tun? Umdisponieren. Andere Firma, andere Fliesen, neue Farben. Kunst heißt auch Mut zur Improvisation.

Noch war Sommer, der Herbst noch meilenweit entfernt. Doch die Tage wurden kürzer, langsam und bedrohlich. Als dann die Fliesen endlich kamen, lag morgens ab und an ein Hauch von Kühle in der Luft.

Klappe, die erste: Fliesen klopfen. Und sortieren, je nach Farbe in verschiedene Kartons. Achtfach. Groß und mittel, klein und winzig, mit und ohne ganz geraden Rand.

Klappe, die zweite: „das größte Puzzle meines Lebens“ (Zitat eines Passanten). Die Steine auf den Rohbau kleben, mit Fliesenkleber und Geduld und Spucke. Steinchen für Steinchen bosselte ich mich voran, erst die Ornamente, dann das „Drumherum“. Immer auf den Knien, den Rücken krumm, die Finger tief im Kleber-Eimer.

Von hundert Leuten, die vorübergingen, machten 96 einen Spruch. Hier die Top Five:

-          Schick!

-          Mal was Anderes!

-          Oha! Das sieht nach Arbeit aus.

-          Das machen Sie gut!

-          Was soll das werden, wenn es fertig ist?

Es wurde kühler, unverkennbar. Wie viele Arbeitsstunden in dem Bauwerk steckten? Viele! Bei Wind und Wetter, Wochenende, immer.

Klappe, die letzte: Das Verfugen. Ein schwarzer Brei kam über das gesamte Fliesenkleid, eine Tatsache, die einige Passanten sehr schockierte („Bleibt das etwa so“??), insbesondere die Kinder („Ist die Frau böse? Die macht das ja kaputt!“). Dann kam das Putzen, Schmirgeln, Nacharbeiten.

Die Frau war nicht böse, aber zugegeben ziemlich froh. Das Werk war vollendet. Exakt am Tag, bevor der erste Frost einfiel.